Wie kann der digitale Wandel gestaltet werden? Welche Rolle spielt dabei der Gesetzgeber? Und wie funktioniert eigentlich persönliche Betreuung in Zeiten hochleistungsfähiger Technologien? Im gemeinsamen Interview mit der einsnull sprechen Roland Engehausen (Vorstand der IKK Südwest) und Marc Eichborn (Chief Digital Officer bei BITMARCK) über die digitale Transformation in der GKV und die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen für Krankenkassen und Dienstleister.

einsnull: Herr Engehausen, Sie haben kürzlich mit Daniel Schilling einen neuen Chief Digital Officer (CDO) vorgestellt. Was muss man als Krankenkasse tun, um den digitalen Wandel mitzugestalten, und welche Rolle spielt dabei ein CDO?

Roland Engehausen: Unser Geschäftsführer und CDO Daniel Schilling hat zum 01. Juli 2019 die Planung und Steuerung aller internen und externen Digitalisierungsmaßnahmen als IT-, Prozess- und Kundenservice-Chef übernommen. Unsere Kernidee ist es, die Weiterentwicklung der IT-Infrastruktur in den direkten Bezug zur Kundenwahrnehmung zu setzen. Dies bedeutet, dass auch für alle internen Projekte in Sachen Digitalisierung die Customer Journey im Fokus steht. Aus diesem Grund wurden die Geschäftsbereiche IT, Support, Prozess- und Organisations­management sowie Markt und Service nun bei unserem CDO gebündelt.

einsnull: Herr Eichborn, Sie sind als CDO bei BITMARCK mittlerweile seit knapp einem Jahr an Bord. Was ist Ihr Eindruck vom Stand der Digitalisierung in der Gesundheitsbranche?

Marc Eichborn: Die Branche befindet sich mitten in der Transformation: Digitale Lösungen haben einen hohen Nutzen für die Patienten, und nun wurden auch seitens des Gesetzgebers die Voraus­setzungen zur Umsetzung geschaffen. Lösungen wie die elektro­nische Patientenakte (ePA) oder die elektro­nische Gesundheitsakte Vivy ermöglichen es den Kranken­kassen und Ver­sicherten, völlig neue digitale Wege zu gehen. Ziel muss es dabei sein, das Ver­sorgungsmanagement Schritt für Schritt auszubauen. Dazu zählen im Übrigen auch moderne Business-Intelligence-Lösungen. Durch ihren Einsatz sind Krankenkassen in der Lage, den Versicherten beispielsweise noch gezieltere Präventionsmaßnahmen anbieten zu können. Bei aller berechtigten Begeisterung für diese neuen Möglichkeiten darf aber nicht vergessen werden, den Fokus auf Inter­operabilität und Standardisierung zu legen. Die Vernetzung der digitalen Lösungen untereinander ist die Basis, um einen ungestörten Datenfluss zu gewährleisten. Auch ist es nach wie vor essenziell, die Themen Datenschutz und -sicherheit mit höchster Priorität anzu­gehen, um das Vertrauen der Nutzer in digitale Lösungen zu stärken.

einsnull: Herr Eichborn, daraus resultierend: Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich für BITMARCK?

Marc Eichborn: Ob Frontend oder Backend, ob Betrieb, Betreuung oder fachlicher Support: Als Managed Services Provider sind wir in der Lage, den Krankenkassen alle benötigten Leistungen und Services integriert und aus einer Hand anzubieten. Es ist wichtig, dass wir uns hierbei noch stärker an den Bedürfnissen der Versicherten orientieren. Welche Erwartungen gibt es an die Kommunikation mit der eigenen Krankenkasse? Welche Technologien und Endgeräte werden bevorzugt? Der Fokus wird sicher nicht nur auf den Apps liegen, sondern auch auf einem Invest in Basis­technologien, um digitale Gesundheits­anwendungen integrieren zu können. Hier gilt es zu adaptieren, um die Wünsche der Versicherten und die individuellen Bedürfnisse der Krankenkassen weiterhin mit einem entsprechend innovativen Produktportfolio zu bedienen.

einsnull: Herr Engehausen, was für Erwartungen haben die Versicherten –
Ihre Kunden – an eine moderne, digital affine Krankenkasse? Wie schaffen Sie es, die vielfältigen Möglichkeiten digitaler Lösungen mit einer bestmöglichen persönlichen Betreuung zu verbinden?

Roland Engehausen: Die Mission einer guten Krankenkasse bleibt aus meiner Sicht auch in Zukunft die gleiche: Den Versicherten einen starken Schutz rund ums Gesundbleiben und Gesundwerden zu bezahlbaren Beiträgen zu sichern. Und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie die Leistungen bekommen, die sie benötigen. Hierbei sind für uns als IKK Südwest zwei Trends zur Wettbewerbsdifferenzierung wichtig. Zum einen geht es um die Kommunikation: Wir bieten digitale Kanäle wie eine Online-
Geschäftsstelle und App oder Videotelefonie für unsere Kunden an. Wir bleiben hierbei stets verbindlich; dies bedeutet, dass auch online der immer gleiche persönliche Ansprech­partner hinterlegt ist wie bei dem persönlichen Filialbesuch. In Kundenum­fragen haben wir ermittelt, dass die Menschen in Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland auch digital persönlich kommunizieren möchten.  

Daher führen wir die digitale Kommunikation direkt über die 21 Geschäftsstellen vor Ort durch, auch wenn dies mit besonderen Heraus­forderungen verbunden ist. Ähnlich verhält es sich auch mit Versorgungsinnovationen: Hier heißt es weiterhin mutig und neugierig bleiben, um die Versorgung passend digital zu ergänzen. In der Praxis zeigt sich schnell, welche e-Health-­Anwendungen Patienten und Mediziner wirklich weiterbringen. Dazu starten wir immer wieder Pilot­projekte und testen mit Partnern und Patienten Gesundheitsinnovationen und kluge Ideen in Sachen Arzt-Patienten-Kommuni­kation. Hier sehen wir unsere Rolle als Lotsen durch den digitalen Dschungel, möchten die digitale Gesundheitskompetenz unserer Versicherten in Beratungsgesprächen stärken und Optionen aufzeigen, und das natürlich stets mit höchsten Qualitätsansprüchen. Über ein Digitalkonto bieten wir inzwischen zahl­reiche Gesundheits-Apps an, die als Medizinprodukte qualitäts­geprüft sind. 

einsnull: Herr Engehausen, welche Erwartungen haben Sie vor diesem Hintergrund an BITMARCK?

Roland Engehausen: Die BITMARCK hat sich in den letzten Jahren stabil entwickelt. Und gerade die mutigen Entscheidungen wie Technik­in­vestitionen für den Rechenzentrums­betrieb von morgen, BITMARCK_21c|ng, BI und die bitGo-Produkte sowie der Know-how-Aufbau in der RSA-Analyse haben die BITMARCK aus heutiger Sicht trotz mancher Stolpersteine spürbar nach vorn gebracht. Die Vorreiterrolle bei der Einführung einer elektronischen Gesundheitsakte mit Vivy
war gerade im Hinblick auf den neuen politischen Digitalisierungsdruck, wie etwa zur elektronischen Patienten­akte, für die Mitgliedskassen ein echter Glücksfall. Bei der weiteren notwen­digen Fokussierung
auf Betriebssicherheit und Vorsicht sollte die BITMARCK-Geschäftsführung auch weiterhin mutig bleiben. Und noch eine ganz persönliche Erwartung: Die digital-technische Fachsprache und Menü­führung wird immer komplizierter, gleich­zeitig werden die BITMARCK-­Produkte immer wichtiger für Kundenberater und Versicherte. Wenn es um die Übersetzung von Fachbegriffen in kunden­gerechte Sprache und Navigation geht, kann die BITMARCK nach meiner festen Überzeugung eine zentrale Rolle einnehmen und eine eigene vorbildliche Kompetenz aufbauen. Diese Relevanz – die Digitalisierung für die Anwender einfach zu machen – wird bei deutschen Banken, Versicherungen und auch bei uns leider bislang noch unterschätzt. 

einsnull: Herr Eichborn, was sind die zentralen Faktoren, um auch die eigenen Mitarbeiter in Zeiten der Digitalisierung abzuholen und mitzunehmen?

Marc Eichborn: Diesbezüglich befindet sich BITMARCK sicherlich in einer sehr bemerkens­werten Situation – betrachten wir die Historie, so galt es, zunächst einmal mehrere verschiedene Organisationen zu einer Unternehmensgruppe zu verschmelzen, im Fokus stets das Kerngeschäft. Die nächste Herausforderung wird nun sein, gemeinsam die Reise in das digitale Zeitalter an­zu­treten. Der Markt wandelt sich, und wir müssen das auch tun – uns zeit­gemäß auf­stellen, Know-how weiterentwickeln und die richtigen Mit­arbeiter an die richtigen Stellen bringen. Dies ist auch einer der zentralen Gründe, warum wir die CDO-­Organisation implementiert haben. Wir bauen dort crossfunktionale Teams auf, die den Wandel bei BITMARCK maßgeblich begleiten und unterstützen, indem sie z. B. agile Arbeits­methoden vermitteln. Auch flexiblere Arbeitsmodelle können dazu beitragen, den Weg in die Zukunft gemeinsam Schritt für Schritt zu beschreiten.

einsnull: Herr Engehausen, Herr Eichborn: Richten wir den Blick mal nach Berlin – wie beurteilen Sie die aktuellen Bestrebungen des Gesetzgebers rund um die digitale Transformation, und welche Erwartungs­haltung haben Sie für die kommenden Jahre?

Roland Engehausen: Rollen und Systeme werden durch das Digitale-Versorgung-­Gesetz (DVG) teilweise völlig neu definiert, und Sektoren­grenzen können viel einfacher überwunden werden. Gut so, dies ist ein richtiger und dynamischer Anschub. Das DVG ermöglicht Anbietern digitaler Versorgungs­produkte eine direkte Aufnahme in den gesetzlichen Leistungskatalog der GKV. Der Weg über Pilotprojekte mit einzelnen Kranken­kassen ist dann in einzelnen Fällen nicht mehr nötig. Die Erbringung eines Wirksamkeitsnachweises ist im Rahmen einer befristeten „Testlaufzeit“ aber dennoch erforderlich, und nach ersten Erfahrungen mit den etwas holzschnittartigen Zulassungs­regeln über das DVG werden Qualitäts- und Kostensteuerung auch bei digitalen Medizin­produkten in einem „DVG II” sicher an Bedeutung gewinnen müssen. Allerdings liegt in dem aktuellen digitalen „Hype” auch eine Gefahr: Warum beispielsweise Krankenkassen ausgerechnet Finanzinvestoren von Start-ups für digitale Gesundheitsangebote werden sollen, andererseits jedoch nicht
als Investoren zur Sicherstellung einer not­wendigen Versorgung im ländlichen Raum auftreten dürfen, erscheint mehr den aktuellen Gesund­heitstrends geschuldet zu sein, als einer realen Bedarfs­analyse zu folgen. Dies wird der Ernsthaftigkeit digitaler Versorgungschancen aus meiner Sicht nicht gerecht. Für die IKK Südwest steht fest: Wir wollen eine sinnvolle und mit guter Evidenz belegte Innovation für unsere Versicherten zeitnah öffnen und im konkreten Bedarfsfall ebenfalls aktiv anbieten. Dies macht uns als Partner – auch nach dem Direktzugang durch das DVG – besonders für Start-ups – weiterhin attraktiv, und zwar auch ohne direkte Investitions­beteiligung.

Marc Eichborn: Die aktuellen Bestrebungen und Gesetzes­vorhaben begrüßen wir bei BITMARCK ausdrücklich. Es ist schön zu sehen, dass die Digitalisierung parteiübergreifend einen so hohen Stellenwert genießt. Deshalb glaube ich, dass die derzeit sehr hohe Geschwindigkeit erst einmal beibehalten wird. Meine Erwartungshaltung ist ganz klar: Nachhaltigkeit! Aus meiner Sicht muss der Gesetzgeber weiterhin den Mut haben, zukunftsweisende Digitalisierungs­themen auch gegen Widerstände durch­zubringen.

einsnull: Vielen Dank für das Gespräch.  


Über Roland Engehausen

Roland Engehausen ist seit 2014 Vorstand der IKK Südwest und war von 2015 bis 2019 Aufsichtsratsmitglied von BITMARCK. In dieser Zeit widmete er sich der Service- und Digitalisierungsentwicklung. Nach Neu­ausrichtung der IKK Südwest mit Ernennung von Daniel Schilling zum CDO fokussiert er sich auf die Finanz- und Versorgungssteuerung sowie das Portfolio-Management. Zuvor war Engehausen als Krankenkassenbetriebswirt, Wirtschaftswissenschaftler und Master of Business Marketing (FU Berlin) bei mehreren Krankenkassen in Führungspositionen tätig.


Über Marc Eichborn

Seit November 2018 verstärkt Marc Eichborn BITMARCK als Chief Digital Officer. Marc Eichborn bringt jahrelange Erfahrung in innovativen, digitalen Handlungsfeldern mit und hat vor seinem Engagement bei BITMARCK unter anderem als Leiter eines crossfunktionalen Teams bei der Zurich Gruppe Deutschland das Innovations­management und ein Innovations-Lab aufgebaut.